Tag 4: Willkommen in der Realität...

Lefti und ich sind nun seit drei Tagen in Ayacucho und es schleichen sich gewisse Gewohnheiten ein. Erstens: Wir sind süchtig nach den frischen „Jugos“ im Café ViaVia Ayacucho und trinken zu jeder Mahlzeit einen dieser Smoothies aus tropischen Früchten. Zweitens: Aufgrund der Zeitverschiebung hat sich noch kein „normaler“ Tagesablauf entwickelt. Wir wachen extrem früh auf und kämpfen noch immer mit der Zeitverschiebung und Drittens: Wir haben uns absolut dem quirligen Straßenverker in Ayacuchos Innenstadt angepasst und sehr schnell unser regelkonformes Fußgängerverhalten über Board geworfen. Man quert die Kreuzung eben dann, wenn man eine Lücke findet. Markus übrigens findet die schneller als die flinken Peruaner und wurde bereits zum frechsten Straßenquerer Ayacuchos gewählt.

Ich sitze also wie jeden Abend im Café und schreibe diesen Blog. Seit gestern fällt es mir aber sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Lieber amüsiere ich euch mit witzigen Nebensächlichkeiten unserer Reise. Worüber ich euch berichten möchte, ist weniger belanglos...

Wie ihr wisst, konnte ich die fleißigen Strickerinnen gestern endlich persönlich treffen: Hübsche, stolze peruanische Frauen und Mütter, die bei der Hilfsorganisation SOLID Peru in den Projekten „MANTA“ & „DIA“ dauerhaft beschäftigt sind und fairen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Gestern bekamen wir die Möglichkeit, beide Projekte kennenzulernen und durften nachmittags einige der Damen zu Hause besuchen.

Im Projekt DIA werden junge Mütter zwischen 13 und 17 Jahren unterstützt und betreut, um im Leben wieder Fuß fassen zu können. Um nachhaltige Hilfe zu leisten, bekommen sie Bildung, einen Arbeitsplatz und Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Sie erhalten ebenfalls Hilfe in den Bereichen Psychologie, Krankenpflege, Recht und Geburtshilfe. Wir fuhren gemeinsam mit zwei Sozialarbeiterinnen an den Stadtrand und durften an einer Schulung zum Thema Ernährung teilnehmen. Es ist ein hartes Leben, das diese jungen Mädchen mit ihren Babies hier führen – fernab von neuen Handy-Apps und Freizeittrends.

Hier am Stadtrand von Ayacucho gibt es nur an 2-3 Tagen der Woche fließendes Wasser. Diese sandigen Hänge mit den kleinen Hütten aus Stein oder Lehm sind das Zuhause vieler Familien. So auch für Dometila, eine der begabtesten Strickerinnen bei MANTA. Dometilas Mann arbeitet als Motor-Taxi Fahrer und verdient weniges Soles pro Tag, mal mehr, mal weniger. Sie leben zusammen mit Schwester, Schwager, der kranken Mutter und insg. 6 Kindern in einer kleinen Hütte und es reicht gerade mal für das Nötigste.

Einen Teil des verdienten Geldes spart Dometila jede Woche, um die Lebensumstände für ihre Kinder Dejvis und Noemi und den Rest der Familie zu verbessern. Als wir sie zusammen mit ihrer Sozialarbeiterin besuchen, erzählt sie uns von dem Ziel, das sie zusammen mit ihrer Betreuerin vor drei Monaten vereinbart hat: sie möchte mit dem ersparten Geld ihre Küche erneuern. Stolz zeigt sie uns den Scheck über 600 Soles. Regelmäßig werden von Mitarbeitern der Organisation die vereinbarten Ziele evaluiert und neue Schritte vereinbart, auch das ist Teil der Betreuung. Die Arbeit als Strickerin ist nur ein Baustein im Betreuungssystem von Manta. Dometilas Wunsch für die nächsten drei Monate ist es, Geld für ein paar Hühner und einen eigenen Garten zu sparen, um selbst Gemüse anzubauen.

Es war ein emotionaler und berührender Tag und wir beschlossen, ihn bei einem „Jugo“ Mango, Orange, Chirimoya und Lucuma auf der Terrasse des ViaVia Cafés ausklingen zu lassen.

Morgen berichte ich euch darüber, warum es bei mir im Hotelzimmer so aussieht, als würde am Boden ein ganzes Alpaka liegen und wie es dazu kam, dass wir aus rein medizinischen Gründen Koka-Tee schlürfen mussten... :)

Alles Liebe & buenos noches,

Susi

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